Höhenangst weg

Höhenangst oder die Angst vor dem Fehltritt

Ein erfolgreicher Manager aus der Medienbranche, 49 Jahre alt, litt seit seiner Kindheit an Höhenangst, allerdings an einer sehr speziellen Ausprägung. Es war nämlich nicht die Höhe an sich. Wenn er angeschnallt im Flugzeug oder Helikopter saß, konnte er ohne Probleme aus großer Höhe hinunter in die Tiefe blicken. Er genoss diesen Anblick sogar.

Das Gleiche galt für den Ausblick von der gut gesicherten Terrasse eines Wolkenkratzers. Problematisch wurde Höhe für ihn, wenn er sich selbst in großer Höhe bewegen musste. Die Wanderung über einen schmalen Grat im Gebirge, links und rechts ging es hundert Meter in die Tiefe, versetzte ihn in Panik. Seine Angstvorstellung war: Wenn ich jetzt in Panik gerate und einen Fehltritt mache, stürze ich ab. Es war also weniger die Angst vor der Höhe, sondern vor allem eine Angst vor dem Fehltritt – letztlich sogar eine Angst vor der Angst. Die Angst war aus rationaler Sicht völlig unbegründet, da der Manager sehr sportlich und trittsicher war, dazu noch ein ausgezeichneter Skiläufer. Außerdem liebte er die Berge. Aber bei Bergtouren musste er regelmäßig passen, schließlich wusste er ja nie, ob nicht auf der Tour eine für ihn kritische Passage kommen würde. Auch auf hohe Leitern oder Baugerüste konnte er aus gleichem Grund nicht steigen, was Kollegen oder Freunde angesichts seiner Sportlichkeit nur schwer nachvollziehen konnten.

Am Schlimmsten waren Kirchtürme

Besonders die Treppen im Turmaufgang des Hamburger Wahrzeichens »Michel«, der St. Michaelis Kirche. Durch die Stufen aus Metallgeflecht konnte man hindurch sehen, teilweise recht tief hinunter bis auf den nächsten Zwischenboden des Turmes. In manchen Pas- sagen wirkte die steile, ausgesetzte Treppe in dem großen Hohlkörper des Kirchturmes fast wie ein später eingesetztes Baugerüst. Außerdem verband er mit dem Michel eine für ihn böse Geschichte: Es war der Ort, an dem er als Kind die bisher größte Angst seines Lebens gespürt hatte. Seine engagierte Grundschullehrerin wollte den Kindern damals etwas Besonderes bieten und mit ihnen die Türme der vier Hamburger Hauptkirchen besteigen. Aber der Aufstieg auf den Michel wurde für ihn zum Albtraum. Als die Lehrerin merkte, dass er offensichtlich mit der Höhe Probleme hatte, nahm eine junge Referendarin den kleinen Jungen an die Hand. »Ich glaube, ich habe ihre Hand aus Angst fast zerquetscht«, erzählte mir der Manager in der ersten Coaching-Sitzung. Dieses Ereignis im Michel hatte ihn schwer traumatisiert. Und nun wollte er dieses Trauma endlich lösen.

Der Muskeltest brachte uns auf die Fährte

Mit dem Muskeltest konnten wir genau abtesten, zu welchem Zeitpunkt die problematische Michel-Besteigung stattgefunden haben musste: im Alter von acht Jahren. Aber war sie der eigentliche Auslöser oder gab es noch eine andere »Deckerinnerung«? Mithilfe des Muskeltests fanden wir heraus, dass es im Alter von sechs Jahren im elterlichen Garten einen recht dramatischen Sturz aus dem Apfelbaum mit tiefer Schnittwunde am Knie gegeben hatte. Doch diese Erinnerung allein und das anschließende Bewinken konnte die Höhenangst noch nicht lösen. Beim nächsten Aufstiegstest im Treppenhaus der St. Michaeliskirche gab er nahezu an der gleichen Stelle auf wie beim ersten Mal.

Aber es gab noch eine zweite »Deckerinnerung«: Der Manager bekam als Kind sehr früh ein eigenes Kinderzimmer. Das lag im Obergeschoss des elterlichen Wohnhauses und war nur über eine für ihn damals sehr steile Treppe zu erreichen. Etwa auf halber Höhe gab es einen Treppenabsatz mit einem seitlichen Treppenhausfenster, durch das man hinunter auf die Straße schauen konnte. Das Über- winden des Treppenabsatzes war für den damals kleinen Jungen täglich eine regelrechte Mutprobe. Diese Erlebnisse passten natürlich exakt zu dem Profil seiner späteren Höhenangst.

Die Angst vor der Angst war einfach zu stark

Doch trotz des Bewinkens dieser wichtigen Erinnerung verschwand die Höhen- angst nicht. Die Angst vor der Angst war einfach zu stark. Vermutlich hatte das erlittene Trauma bei der Michelbesteigung mit der Grundschullehrerin zu starke neuronale Vernetzungen gebildet. Der Prozess, die Phobie abzubauen, brauchte einfach etwas mehr Zeit. Gemeinsam entwickelten wir den Plan, den Turm Schritt für Schritt, Absatz für Absatz zu erklimmen. Der Manager brauchte vor allem ei- ne optische Vorstellung davon, was ihn in den einzelnen Etappen und Zwischenböden erwartete. Also stieg ich die Treppen hinauf und machte an allen wichtigen Stellen mit seiner Kamera Aufnahmen. Mit meinen Angaben und anhand der Fotos malte er sich auf einem Stück Pappe einen genauen Plan vom Innenleben des Michel-Turms, sozusagen eine »Michel-Map«. Wir gaben den einzelnen Zwischenböden sogar Namen: Eines hieß »Das Partydeck«, da hier Sektgläser für Michel-Events herumstanden.

Durchbruch mit der Michel-Map

Mithilfe dieser Michel-Map stellte sich der Manager nun jeden Abend in Gedanken vor, dass er den Michel hinaufsteigt – Schritt für Schritt, Treppe für Treppe. Zur Beruhigung hörte er dazu über Kopfhörer WingWave-Musik. Das war natürlich ein Paradebeispiel dafür, wie man mit gezieltem Selbst-Coaching den Prozess optimal unterstützen kann. Als der Muskeltest schließlich signalisierte, dass er bereit für den realen Aufstieg war, trafen wir uns erneut am Michel. Der Manager schaute noch einmal kurz auf den Spickzettel mit seiner Michel-Map und ging dann ohne Pause und ohne Zögern den Turm hinauf – Schritt für Schritt, Treppe für Treppe. Die Besteigung des Michel, diesmal ohne Höhenangst, war geglückt. Das war für ihn der Durchbruch. Er war darüber so glücklich und so erleichtert, dass er anschließend den Turm auch wieder hinuntersteigen wollte, was für ihn wegen seiner Höhenangst eine viel größere Herausforderung gewesen wäre. An einer besonders steilen Stelle blieb er plötzlich stehen, schaute genüsslich in die Tiefe, dreht sich zu mir um und sagte: »Wahnsinn, an solchen Stellen bekam ich früher immer Panik.«